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Friendshoring statt Offshoring: Geopolitik prägt IT-Sourcing-Strategie

Auf den Punkt: IT-Unternehmen verschieben Entwicklerkapazitäten von Niedriglohnländern zu geopolitisch stabilen Partnerstaaten, da Betriebsrisiken und Compliance-Anforderungen den Kostenersparnis-Vorteil aufwiegen.

Unternehmen verlagern IT-Entwicklung aus traditionellen Niedriglohnländern in geopolitisch stabile Partnerstaaten. Geopolitische Spannungen und regulatorische Anforderungen wie NIS2 machen Stabilität und Rechtssicherheit zum wichtigeren Kriterium als Kostenersparnis.

Das klassische IT-Offshoring basierte auf dem Paradigma der Kostenminimierung: Softwareentwicklung, Testing und Systempflege wurden in Niedriglohnländer verlagert, um von Lohnkostendifferenzen zu profitieren. Diese Strategie setzte auf stabile internationale Handelsbeziehungen und eine grenzenlose digitale Infrastruktur voraus.

Geopolitische Verschiebungen, Handelskonflikte und die gestiegene Bedeutung digitaler Souveränität haben diese Grundlagen jedoch aufgelöst. Technologievorstände und Risikomanager bewerten jetzt das Konzentration kritischer Software-Infrastrukturen in geopolitisch instabilen Regionen als unkalkulierbares Betriebsrisiko. Klassisches Offshoring ist mit erheblichen operationellen Risiken verbunden: Die Fragilität globaler Lieferketten erstreckt sich auf Datentransportwege und physische Sicherheit von Entwicklungszentren. Infrastrukturschäden wie zerstörte Tiefseekabel können IT-Cluster vom globalen Datenverkehr abschneiden. Hinzu kommen verschärfte rechtliche Rahmenbedingungen in vielen asiatischen Offshoring-Nationen bezüglich Datenschutz und Schutz des geistigen Eigentums. Wenn ausländische Staaten Zugriffsrechte auf Serverstrukturen einfordern, entstehen Konflikte mit der DSGVO und nationalen Sicherheitsvorgaben.

An diese Bedrohungslage knüpft Friendshoring an. Im Unterschied zum reinen Nearshoring definiert sich Friendshoring über politische, rechtliche und gesellschaftliche Übereinstimmung zwischen Auftraggeber und Dienstleistungsstandort. Zielregionen sind stabile Demokratien mit verlässlichen Rechtssystemen, striktem Schutz des geistigen Eigentums und hohen Sicherheitsstandards. Innerhalb Europas konzentriert sich diese Bewegung auf osteuropäische EU- und NATO-Mitglieder wie Polen, Rumänien oder die baltischen Republiken, die einen harmonisierten Rechtsrahmen bieten. Außerhalb Europas gewinnen ausgewählte Partnerstaaten in Lateinamerika und demokratische Kernländer in Asien an Bedeutung.

Für die Betriebswirtschaft entscheidend ist der Wechsel von der reinen Nominal-Stundensatzrechnung zur Total Cost of Engagement. Ein niedriger Stundensatz in Südasien erweist sich bei ganzheitlicher Bilanzierung häufig als Trugschluss, wenn versteckte Kosten für Infrastrukturrisiken, Compliance-Defizite und operative Komplexität hinzugerechnet werden. NIS2-Anforderungen lassen sich deutlich effizienter durchsetzen, wenn Sicherheitsstandards der Dienstleister bereits an europäische Normen gekoppelt sind.


Quelle: www.it-daily.net · Erschienen 28. Juni 2026
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